08.04.2009

Altes und junges Gemüse oder: Nordkorea ist überall

Es gehört dazu, sich im Verbrauchermarkt sehr klein zu fühlen. Trotzdem ist der Kunde angeblich König, davon zeugen nicht nur Sonder- und Zweitplatzierungen, auch die Parkhäuser verströmen das Flair betonierter Großzügigkeit, mit der man eigentlich gar nichts anfangen kann. Wer sich genau umsieht, wird das Fehlen von Schatten bemerken, da alles gleichmäßig ausgeleuchtet ist. Manchmal hat man Glück und der Boden glänzt noch von der letzten Reinigung, aber meistens lungert die Routine von Schnelldrehern und Handelsmarken zwischen den Regalreihen herum. Heitere Ausnahmen sind auch am Boden zerschmetterte Marmeladengläser, die beim Vorübergehen schnelle Geschichten von genervten Müttern und ihren Kleinkindern erzählen, oder Greisen, die nicht mehr richtig greifen können, oder sich streitenden Paaren, die die Welt der Waren um sich herum für den Augenblick des Zorns kurz vergessen haben. Davon abgesehen kann man sich hier sicher fühlen. Oder eben fast.

Die Weiße Stimme des Blues / 23:26 / Reportagen vom Ende der Welt / Link / 1 Zwischenruf / Trackback

So fünfzehn Euro werde ich wohl ausgeben, habe ich mir vorgenommen. Öl ist alle, Katzenfutter fast und die Zahnpastatube krümmt sich bereits im Todeskampf. Eine Pulle Rotwein, Tabak und Paprika sollten noch drin sein, vielleicht noch weiße Bohnen, denen ich mich erstmals intensiver widmen möchte, weil die Linsen sich nunmehr hart an der Grenze zur Langweilerei bewegen.
Ich nehme den umgekehrten, von den Verkaufstrategen nicht vorgesehenen Weg und schmeiße zuerst ein paar Dosen von dem Zeug in den Korb, das der Kater zumindest nicht verschmäht, bücke mich nach einer namenlosen Zahnpasta, greife dann zum billigsten Olivenöl – das angeblich »extra vergine« und kaltgepresst ist und wahrscheinlich auch noch durch das Mieder einer italienischen Bäuerin gefiltert wurde –, und angle nonchalant im Vorbeigehen eine Flasche Rioja für zweineunundsiebzig, nachdem ich ein Paket Bohnen als für meiner würdig erachtet habe. Tabak gibt's an der Kasse, daher geht es nun in die Abteilung »Frischgemüse«, um die ich in letzter Zeit immer größer werdende Bögen mache, weil ich mich einfach nicht gerne anlügen lasse.

Denn was sich dort an braunrandigen Salaten, schlappen Gurken und runzeligen Tomaten feilbietet, ist schlicht und ergreifend alt und nicht frisch. Das wachsende Biosortiment bietet den gleichen Abfall in viel teurer an, aber die Klientel läßt sich davon nicht am Befingern und Begutachten, am Nicken und Einpacken hindern. Einzig die eingeschweißten Paprika haben sich in Sachen Frische und Geschmack bewährt. Weiß der Teufel, mit welchen der Öffentlichkeit noch unbekannten Strahlen die behandelt werden. Mir soll es recht sein, ich leuchte lieber im Dunkeln, als mir eine Pilzvergiftung einzuhandeln.

Ich packe also drei Schoten ein und lasse den Blick noch einmal über öde Champignons, kümmerlichen Radicchio und erschlafften Dill schweifen, um innerlich ein bißchen Verachtung anzustauen, als ein Hüftschwung in meinen Augenwinkeln und ein rhythmisches Klacken in meinen Ohren jenen Mechanismus in Gang setzen, den wir alle zu gut kennen.
Seltsamerweise weiß man immer gleich sofort, wenn ein Anblick sich lohnt, noch bevor man sich ungewandt hat und die Augen fokussiert haben. Vielleicht geht das aufs Konto der gerade so beliebten Pheromone, vielleicht auch nicht, es ist jetzt ohnehin egal.

Da schiebt so ein junges, schlankes, halbasiatisches Ding in Stiefeln und Rock einen riesigen Einkaufswagen durch die Gegend, in dem locker vier von ihrer Sorte Platz hätten, und kommt genau neben mir vor der Gemüseauslage zum Stehen. Sie greift rätselhaft nach einem besonders mies aussehenden, eingeschweißten Eisbergsalat und – fängt an, daran zu riechen. Ob sie durch die Folie feinste Fäulnis wahrzunehmen in der Lage ist? Jetzt drückt sie auch noch daran herum. Vielleicht will sie sich ja auch nur etwas über die Abwesenheit jeglicher Frische aufregen. Dann hätten wir schon etwas gemeinsam. Aber ein blödes Gesprächsthema wäre das. Während sie noch prüft und begutachtet, mache ich das heimlich mit ihr, während ich gesteigertes Interesse an einem Bund Petersilie vortäusche, das ohne jeden Zweifel noch aus dem Pleistozän stammt.
Ein knallrotes Top und einen beigen Rock trägt sie. Ich male mir aus, was beim Mischen dieser beiden Farben herauskäme und komme zu dem Schluß: ihr Hautton. Zumindest ansatzweise, Karotten- und Oliventöne vereinen sich darin mit vergehender Winterblässe. Muß das sein um elf Uhr vormittags, nach einer Nacht eher betrüblicher Träume? Es muß sein. Die Stiefel sind so lala, also gelackt. So wirkt auch das Haar, unwillkürlich greife ich nach meiner Brieftasche und widme zum Schein meine Aufmerksamkeit einem Bund Suppengrün, das mich an meine Verwandtschaft erinnert.

Sie hat den Eisbergsalat mit einer fast bedrohlichen Geste in die Auslage zurückplumpsen lassen und sortiert jetzt offenbar ein paar versprengte Staudensellerie zusammen. Typischer Ordnungssinn, und bei mir gerät alles in Unordnung. Vielleicht lecke ich sie einfach spontan ab. Lieber nicht. Als nächstes nimmt sie sich einen Lollo Rosso vor und betastet ihn vorsichtet, als sei er eine kunstvolle Frisur. Ich frage mich, ob ich mir einen Stuhl kommen lassen soll und ein paar Erfrischungen, aber dann klingelt ein Mobiltelefon: Es ist »Moon River« von Henri Mancini und das kommt aus ihrem Handy. Wie das mit den Lackstiefeln harmonieren könnte, bleibt mir ein Rätsel. Sie fingert in ihrer gewaltigen Umhängetasche herum und meldet sich mit einem Geräusch, das auch ein Wort einer sehr fremden Sprache sein könnte, aber entfernt an »Hallo« erinnert.
Ich bekomme leider nicht besonders viel mit, obwohl mittlerweile jedes Molekül in meinem Körper auf eine ganz bestimmte Frequenz eingestellt ist, die in Richtung Fernost liegen muß. Die Welt ist nunmal ein Dorf geworden. Und da kennt bekanntlich jeder jeden.

Sie telefoniert, nickt und streift sich durchs Haar, das wie in Zeitlupe in Ausgangsposition zurückfällt, sie lächelt, runzelt die Stirn, rollt mit dem Augen, reibt sich das Näschen, wiegt den Einkaufswagen hin und her, als sei ein Baby drin, gähnt sogar ganz kurz und sagt dann, in nicht ganz reinem Deutsch: »Atombombe. Hab' ich gesagt. Viel mal. Atombombe, ja? Gut, bis dann ..."

Ich geh' dann mal zur Kasse ...

Comments

Hey Leute, ich suche nen hubschen Online Shop mit schicken und edlen Bekleidung. Kein Oma Shop statt dessen fur ne junge Frau...ich meine jetzt nicht sowas wie H&M sondern etwas, dass eventuell nicht soviele kennen. Wer hat nen Tipp?
Danke im Vorraus fur eure Stellung nehmen.

Martinahah / 10.08.2017, 17:48 / Link











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