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        <title><![CDATA[Herrenabend]]></title>
        <link><![CDATA[http://ceos.macbay.de/Herrenabend/index.php]]></link>
        <description><![CDATA[Der Unvollständigkeit halber.]]></description>
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        <lastBuildDate><![CDATA[Mon, 22 Mar 2010 22:27:30 +0100]]></lastBuildDate>
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            <title><![CDATA[Ein fast perfekter Tag]]></title>
            <category><![CDATA[Reportagen vom Ende der Welt]]></category>
            <description><![CDATA[Ein Erlebnisbericht aus einem nicht geführten Leben.<br /><br />(Für alle über 1,90 m und unter 1,89 m.)<br /><br /><u>5:30 Uhr:</u> Ihr Wecker – ein blödes Teil in verächtlichem Rosa – klingelt schon, weil die Alte ein wichtiges Meeting in München mit irgendwelchen Business-Kaspern per Flugzeug ansteuern muß. Ein Taxi zum Flughafen ist vorbestellt; hat mich immerhin fünf Minuten gekostet. Das Nadelstreifenkostüm habe ich nicht zur Reinigung gebracht, sondern nur ca. 8 Sekunden lang ausgebürstet und zum Auslüften über Nacht auf den Balkon gehängt. Das Resultat ist dasselbe, aber ich ahne schon jetzt, daß das nicht reicht und ein Nachspiel haben wird, bei nächster Gelegenheit, wenn ich nicht mehr damit rechne. Der Gang zur Reinigung ist, worauf es ankommt. Die Mühe, die ich mir mache. Ausbürsten kann die Alte nämlich selbst.<br /><br />Ist mir aber jetzt egal, ich kann ja liegen bleiben und kratze mich noch kurz am Gemächt, bevor ich wieder einschlafe. Schön warm hier unter der Decke. Aber der Schlummer währt nur kurz, denn auf dem Flur höre ich ihre Stimme, die sich bei der Morgendämmerung nach irgendwelchen Schuhen erkundigt, die doch angeblich da sein müßten, es aber nicht sind. Sie spricht eigentlich mit mir, obwohl sie ein »Bleib' ruhig liegen« geraunt hat, als sie träge aus dem Bett stieg. Schon höre ich leises Fluchen, das lauter wird. Rein zufällig reißt sie auch einen Regenschirm um, was etwas Gepolter zur Folge hat. Auch damit bin ich gemeint. Weil ich im Bett liege und sie nicht.<br />Ich ziehe die Decke über den Kopf und inhaliere ihren Geruch und den Duft ihres Parfüms, der sich darin neulich wieder eingenistet hat. Wohliges Koma.<br /><br /><u>7:00 Uhr:</u> Mein CD-Wecker spielt südkirgisische Experimentalmusik und entläßt mich aus meinen Träumen, die sich um aus den Brüsten wild um sich schießende Amazonen drehten. Gut, wie schnell sie vergessen sein werden.<br />Zeit, das Kind zu wecken. Ich schlurfe ins Kinderzimmer, stelle das Fenster auf Kipp und setze mich ans Bett, in dem allgemeines Wühlen und Verkriechen die tägliche und verständliche Verweigerung gegenüber einem neuen, schwierigen Tag unmißverständlich klar machen. Hoffentlich hat sie das von mir.<br />Ein bißchen Aufmuntern, ein paar Versprechungen hinsichtlich völlig neuer Kakao-Genüsse zeigen schließlich Wirkung. Dafür wird auch Grundschule in Kauf genommen. Was für eine Welt ...<br /><br /><u>7:15 Uhr:</u> Töchterchen hat sich die Zähne geputzt und steht ratlos vor ihrem Kleiderschrank, gegen den der vietnamesische Dschungel ein englischer Garten ist. Es wird nie aufhören. Und das hat sie nicht von mir.<br /><br /><u>7:16 Uhr:</u> Der dampfende Kakao hat sie in die Küche gelockt. Jetzt wird alles sehr schnell gehen. Natürlich verweigert sie Toast, Apfel und Banane, die ich daher in die Schultasche stopfe (und die Banane des Vortags, die mittlerweile aussieht wie ein Artefakt aus einem dänischen Moor, daraus entferne).<br /><br /><u>7:23 Uhr:</u> Ich rasiere mich ausdrücklich nicht und stelle fest, daß ich plötzlich wasserscheu geworden bin. Da die Zahnbürste irgendwie deprimiert aussieht, muß es auch ein Kaugummi tun.<br /><br /><u>7:31 Uhr:</u> An der Bushaltestelle sehen wir eine ältere Dame: »Die ist aber alt und faltig!«, spricht Töchterchen für alle im Umkreis von vier Kilometern unüberhörbar. Ich entdecke daraufhin am gleichmäßig grauen Himmel einen Punkt, der mich total gefangen nimmt und alles um mich herum für Sekunden vergessen läßt. Das nennt man Glück im Unglück oder so. Die Oma steigt vor uns in den Bus und versucht meinen Blick zu fassen, um mir ihren grimmigen zu schenken.<br /><br /><u>7:45 Uhr:</u> Die immer gütig lächelnde Grundschullehrerin mit Kassenbrille und pinkem Halstuch winkt uns in abschreckender Begeisterung zu, der Abschied aber wird immer routinierter. Die Alte sitzt jetzt wohl schon im Flieger neben irgendeinem Langweiler mit Wirtschaftszeitung. Wahrscheinlich wird sein Aftershave sie gewaltig auf die Palme bringen. So. Zeit für die erste Pause.<br /><br /><u>8:02 Uhr:</u> Im portugiesischen Stehcafé werde ich am Tresen wie üblich lange über meine Bestellung nachgrübeln, um dann doch bloß wieder einen Galao und ein Hörnchen zu bestellen. Der Grund ist das Paar brauner Augen, die es schaffen, den ganzen Tag verschlafen zu wirken. Hinreißend! Und erst der Ansatz vom Spitzen-BH, der niemandem außer mir zuzuzwinkern scheint, wie immer, wenn ich noch nicht ganz da bin.<br /><br /><u>8:43 Uhr:</u> Zuhause. Im Schlafzimmer das Fenster öffnen und das Bett mit dem richtigen Maß Schlampigkeit richten, damit es nachher was zu meckern gibt. Mal gucken, ob die Waschmaschine hungrig ist. Ist sie nicht. Auch gut. Oder auch nicht, denn das bringt mich aus dem Konzept. Also Zigarette rauchen und ein paar Wollmäuse unter die Kommode pusten. Merkt ja keiner.<br /><br /><u>9:10 Uhr:</u> Ich poliere verdächtig lange an der Espresso-Maschine herum, was die Frage aufwirft, ob ich nur ein bißchen oder komplett ballaballa bin. Der Mülleimer aber sieht ganz gut aus, die Komposition im Innern stimmt bis ins Detail. Wo ist die Digicam?<br /><br /><u>9:30 Uhr:</u> Da liegt ja eine Menge Arbeit auf dem Tisch. Beziehungsweise ziemlich wenig, so für ungefähr für zwei Stunden, die ich mir sehr gut einteilen und wie einen Pizzateig ewig ausrollen muß, damit ich eine Rechnung über über sechs oder acht Stunden schreiben kann. Gut, daß es das Internet und die ganzen Pornoseiten gibt, das hilft die gigantischen Lücken zu schließen und neue aufzuzeigen.<br /><br /><u>11:19 Uhr:</u> Das Telefon klingelt, und zwar deutlich genervt. Daher ist die Alte am Apparat und fragt unwirsch, ob ich an die Theaterkarten gedacht habe. Ich erkläre, für so komplizierte Dinge im Augenblick überhaupt keine Zeit zu haben und frage nach dem Verlauf des Meetings. Rätselhafterweise findet das sofort begeisterten Anklang und ich erfahre, daß der Theaterbesuch ohnehin ausfallen müsse, weil Geschäftsessen und so. Ein Glück. Nur sagen darf ich das nicht, das wird mißverstanden. Ich kann mit diesen modernen Inszenierungen, bei denen man immer raten muß, um was es eigentlich geht, einfach nichts anfangen. Regie-Theater eben, nicht mein Fall, weil ich Stoffe inszeniert sehen will und nicht Regisseure, erzreaktionärer Spießer, der ich nunmal bin. Sie erklärt, jetzt wieder in die Laberei zurückkehren zu müssen, wofür ich ihr viel Spaß wünsche und ihr einen besonders miesen Witz erzähle. Sie lacht sogar und ich würde jetzt gerne unter ihren Rock kriechen. Was nicht möglich ist, so eng, wie der anliegt. Einen Faltenrock hat sie sogar auch, aber der ruft mich nicht auf den Plan. Die Natur macht eben manchmal Fehler. Und sie trägt ohnehin den Hosenanzug. Das hatte ich schon wieder vergessen. Tückisch, dieses Organ namens Gehirn.<br /><br /><u>12:30 Uhr:</u> Jetzt 'ne Currywurst und ein kühles Bier! So ein richtig kühles, das ein bißchen in der Speiseröhre schmerzt und den Magen unwirsch werden läßt, allerdings nur ganz kurz. Stattdessen nur Leitungswasser und Nudeln von gestern. <br /><br /><u>14:00 Uhr:</u> Doch schon alles weggearbeitet und vom Internet gelangweilt. Um drei muß ich wieder in der Schule sein. Das läßt Zeit für einen weiteren Kaffee beim Stehcafé und noch mehr verschlafene Augen. Vielleicht sollte ich eine Affäre mit der süßen Portugiesin anfangen, inklusive Geheimhaltung und allem Pipapo? – Geht nicht: Die einzige Person, die ich jemals erfolgreich belogen habe, bin ich selbst, also würde das nie hinhauen mit dem schwarzen Spitzen-BH und und dem wogenden Material darunter. Die Alte würde sofort Lunte riechen und mich umgehend zum Mond schießen; wahrscheinlich kennt sie sogar Raketenbauer, die das mal eben für sie erledigen. Einer von den Business-Kaspern vielleicht, dessen Aftershave dann auf einmal doch »ganz interessant« ist. Außerdem: eine Familie hat ja auch Vorteile, deren Liste ich jetzt zum Glück nicht still aufzählen muß, denn ich kann mich ganz auf die Kaffeebestellung konzentrieren: »Ein' Galao, bitte ...«<br /><br /><u>15:15 Uhr:</u> Im Bus mit Töchterchen. Eine Geschlechtsreife blickt häufiger rüber und findet uns beide wahrscheinlich »süß«, das sieht man an diesem erleuchteten, angedeuteten Lächeln. Eine unglaublich alte und faltige Oma ist auch im Bus, erregt aber keine Kommentare. Das Thema ist wohl durch.<br /><br /><u>16:30 Uhr:</u> Die Kleine hat sich eine von meinen Beatles-CDs gemopst und nun dröhnt »Happiness Is A Warm Gun« durch ihre Zimmertür. Da muß man nicht einschreiten, sie versteht ohnehin kein Wort. Ich möchte aber wissen, was sie gerade macht und öffne die Tür: »Mother superior jumps the gun ...«, schallt es mir mächtig entgegen, Töchterchen sortiert auf dem Fußboden eine Mischung aus Fotos, Stofftieren und etwas, das wie Müll aussieht, aber in Wahrheit vielleicht ein Schatz ist, den meine Augen schon nicht mehr erkennen können. Schön bescheuert – damit meine ich mich –, ich biete einen Besuch im Stadtpark an, obwohl ich auf einen geschäftlichen Anruf warte, der eigentlich meine Anwesenheit zuhause erfordert. Auch egal. Das Angebot wird zögerlich akzeptiert, weil das mit Schuhe anziehen verbunden ist, aber schließlich geht es doch los.<br /><br /><u>16:49 Uhr:</u> Irgendwie düster hier im Stadtpark, die Bäume spenden nicht nur Schatten, sondern sind auch großzügig mit dunklem Geraschel und höhnischen Halblicht, das wahrscheinlich sehr viel sehr viel besser weiß. Ich vermeide Geschichten über Monstren.<br /><br /><u>18:00:00 Uhr:</u> Das Abendessen steht auf dem Tisch: Die Kleine isst Nudeln mit Brokkoli, Parmesan und Erbsen. Zwölf Nudeln, zweieinhalb Röschen Brokkoli und neun Erbsen, der Rest bleibt griesgrämig liegen. Die Spülmaschine laden und extra das Geschirr vorher nicht abspülen, weil ich dazu immer ermahnt werde. Hehe.<br /><br /><u>18:23 Uhr:</u> Ich eröffne die große Überraschung, mit mir zum Flughafen zu fahren und Mama abzuholen. Als Bedingung wird der Verzehr von ein paar – also sehr vielen – Gummibärchen gestellt. Ich habe keine Wahl.<br /><br /><u>19:10 Uhr:</u> Die Alte erscheint im Gate und verabschiedet sich augenrollend von ihren Kollegen. Fesch sieht sie aus, fesch und gleichzeitig gestresst. Sehr sexy also. Ich nehme von verbindlichem Sarkasmus Abstand und überlasse Töchterchen die Begrüßungszeremonie, die sie herzlich professionell und zur echten Freude der Mutter abwickelt. So geht das eben auch. Man muß nicht alles alleine machen.]]></description>
            <link><![CDATA[http://ceos.macbay.de/Herrenabend/index.php?id=42]]></link>
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            <title><![CDATA[Hanselstadt Hamburg]]></title>
            <description><![CDATA[Hamburg-Altona ist ja so pittoresk: Neben Alteingessenen und Migranten tummeln sich hier Studenten, Prominente und Künstler. Multi-Kulti vom Feinsten sozusagen.<br /><br />Architektonisch hat der Stadtteil allerdings ein paar Altlasten zu tragen. Offenbar wurde die Stadtteilentwicklung in den 60er und 70er Jahren von Betrunkenen betrieben, anders sind die unermesslich hässlichen Bausünden mir nicht erklärbar. Dazu gehört neben anderen Merkwürdigkeiten wie dem Bahnhof die ehemalige Karstadt-Filiale, die jetzt abgerissen werden soll, <a href='http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,673299,00.html'>um einer IKEA-Filiale Platz zu machen.</a><br /><br />Gegen den schlimmen, menschenverachtenden Kommerz wehrt sich heldenhaft das kunterbunte, total kreative <a href='http://frappant.org/'>Kollektiv</a>, das sich in den Räumlichkeiten momentan diversen Betätigungsfeldern widmet. Dem Web-Auftritt nach muß es sich dabei um eine Gruppe weltberühmter Künstler, Designer und »Stadtplaner« handeln, von denen ich zwar noch nie etwas gehört habe, aber ich bin ja nicht die Welt.<br /><br />Sie wollen da nicht raus. Nicht, weil sie zu faul sind, sich neue Ateliers zu suchen, die womöglich ein paar Mücken mehr oder richtiges Geld kosten, sondern weil sie viel, viel bessere Ideen haben, wie sich das alte Frappant-Gebäude nutzen ließe:<br /><br />Küken Jonas möchte kein »Kaufhaus, das nach singulären Interessen handelt«, sondern einen »Ort für die Bewohner und Menschen im Allgemeinen«. Das wäre für ihn wertvolle »Stadtentwicklung«, also angebliche. Deutlicher werden muß er für meinen Geschmack dann auch nicht.<br /><br />Maler Florian (35) leidet darunter, daß »die Stadt das Potenzial der Künstler unterschätzt«. Und was ist mit dem <u>Werk</u> der Künstler, den Kunstwerken also? Werden die auch unterschätzt, oder sind sie womöglich gar nicht sichtbar? Zu solchen Nebensächlichkeiten hat der Florian merkwürdigerweise nichts zu sagen.<br /><br />Na gut, vielleicht ist ja alles auch ein böser Irrtum und es handelt sich bei der ehemaligen Karstadt-Filiale überhaupt nicht um ein Gebäude. Sondern um einen Felsen. Davon überzeugt ist jedenfalls die Judith (keine Altersangabe): »Ein Felsen ist auch so etwas wie eine Landmarke, ein Naturdenkmal; so einen Felsen baggert man nicht weg, man baut allenfalls um ihn herum.« Und wenn ich dann eines Tages im Grab liege, liebe Judith, bin ich auch keine Leiche wie alle anderen Toten, sondern immerhin so etwas wie Gammelfleisch. Jedenfalls eine Zeit lang, oder?<br /><br />Wesentlich realistischer ist da Katja, süße 37 Jahre alt. Sie macht nicht nur eindeutige Plastiken aus Plastik (ein Blick lohnt sich, rechts unter »Portraits ...«), sie hat auch diese entzückende vermittelnde Art, denn sie denkt, daß »die Qualität unserer Aktivitäten und damit das Ansehen von alleine steigt, wenn wir die Möglichkeit hätten, länger zu bleiben, ...«<br />Das will man sofort glauben, vor allem das mit der Qualität.<br /><br />Erstaunlich robust allerdings gibt sich die Katrina (28 und kein bißchen weise), die den Konflikt mit den Stadtvätern schon bis zum bitteren Ende gedacht hat. Sie kettet sich notfalls nämlich »gern an die Tür«, und zwar mit ihrem »ganzen Dasein«. Hoffentlich holt Papa sie hinterher ab.<br /><br />Voll friedlich und so dagegen ist Ina (38 vergebliche Lenze) eingestellt. Sie versteht gar nicht, worum es geht, will aber zurück zu Natur und Krabbelgruppe: »Bepflanzen und Bemalen« lautet ihr Motto. Am besten noch von Kindern oder Schimpansen, oder übertreibe ich da? Das würde aus dem alten Betonkasten natürlich ein Kleinod moderner Urbanität machen, wahrscheinlich noch einigermaßen öko dazu.<br /><br />Tja, 77 % wollen lieber IKEA, Kapitalismus und Globalisierung pur also. Schämt euch, People Of Altona! Nicht, daß ich das begrüßen würde, ehrlich. Schon alleine deswegen nicht, weil ich Vorurteile gegenüber den heiter besserwisserischen Schweden (und Skandinaviern allgemein) hege.<br /><br />Aber engstirnige persönliche Ansprüche und esoterisches Gefasel ergeben zusammen eben noch kein Nutzungskonzept, über das sich reden ließe, Ihr »Frappant«-Deppen! Seid gefälligst von euch selbst enttäuscht ...! Dann muß ich es nicht mehr sein.]]></description>
            <link><![CDATA[http://ceos.macbay.de/Herrenabend/index.php?id=39]]></link>
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            <title><![CDATA[Entrückt und glücklich]]></title>
            <description><![CDATA[Ein Tag bei zweiundvierzig Grad im Schatten lärmte durchs kastilische Hochland, ließ Blätter ohne Kühle rauschen und bestrafte jede Hektik mit Strömen von Schweiß. Wasserleitungen waren das Netz des Lebens, bleischwer und artig, die Luft kaum spürbar, aber schmutzig vom Stadtleben, nur in dunklen Ecken kam sie matt zur Ruhe. Und als es dunkel wurde, blieb es heiß.<br /><br />Und da war M. <br /><br />Eine Halbinsel presst ihr Öl in die Welt und alles nimmt seine Trägheit und Farbe an. So wie ihre Haut, die keine Blässe kannte, nur diesen hellen Oliventon, unmischbar auf meiner Palette, umso kostbarer im Auge, die Hände wollten in pflücken und griffen immer daneben, es blieb etwas Unberührbares an ihr und ihrem leeren Katholizismus, der nie etwas entschuldigen durfte, wenn es nach ihr ging. Viel Abwesendes war in ihren Themen, es sprach immer etwas anderes mit, lauernd und fragwürdig, bestimmt und vage zugleich. Worte entzogen sich, viel zu vulgär blieb die Zunge angesichts der kochenden Kälte dessen, was um uns herumschlich. Und das ich nicht kannte. <br /><br />Sie hüllt sich in ein Bettlaken. <br /><br />Achtundreißig Grad um Mitternacht, leichte Wolken befleckten den schwarzen Himmel, matt und orange, die Lichter der schlafenden Stadt widerspiegelnd, während ich nach Tabak suchte. Sie hatte nicht geschlafen, die braunen Augen schwarz in der Geisterstunde ließ sie ihren Atem sprechen und stand auf, ging zum Schrank und fand sofort die Bettwäsche. Nackt wollte sie nicht bleiben. Sie blickte an sich herunter und warnte mich erneut, sie habe keine Titten. Da war wirklich nicht viel, nur leichte Hügel, die keine Bewegung zeigten, wenn sie sie aufrichtete. Und es nützte überhaupt nichts, darauf zu pfeifen. <br /><br />Rauch, viel Rauch, war immer in ihrer Stimme, Ein dunkler, grauer, erfahrener Rauch aus vielen Leben vielleicht, oder aus einer verächtlich lauernden, nur ihre eigene Vergangenheit gefangen haltenden Tiefe. Seichte Worte konnte sie so nicht sprechen, jede Silbe wog schwer, nur ein Schelm hinter ihren schweren Blicken ging trotzig seinem Geschäft nach, das ein Mädchen herumtragen hieß, das eine Frau sein mußte. Kein Geschenk war hier angemessen, die Frucht blieb einsam und wurde dadurch nur umso schöner. <br /><br />Ihre Finger kitzelten den Tabak, während sie eine Zigarette rollte, was ein paar Falten auf ihre hohe Stirn zauberte. Ich lag neben ihr und versuchte, etwas anderes zu sehen. Warum ich nichts sage, wollte sie wissen, erwartete aber keine Antwort. Woher man jetzt einen Brandy bekäme, fragte M. und ließ ihre Zungenspitze, die im Kerzenlicht wie ein weit entfernter Leuchtturm glitzerte, langsam und schnell zugleich über die Gummierung des Papiers streichen, rollte die Zigarette zwischen beiden Handflächen fertig, lächelte ihr kurz zu und nahm das nächste Papier. Ihr Ex auf Ibiza sei dort Polizeichef gewesen, daher hätte sie eine Menge Erfahrung mit Kokain sammeln können, und mit der Besessenheit von Männern. Ja, von ihr sei er besessen gewesen, das sei irgendwann nicht mehr gutgegangen. Ob ich von ihr besessen, ob ich jemals besessen gewesen und wie das ausgegangen sei. Drei Fragen in einer, ich weiß keine Antwort, aber ihre Hüfte bekommt nun einen Knick, als sie nach Feuerzeug und Aschenbecher greift, das Laken rutscht von ihrer Schulter und im Halbdunkel kichern ein paar Dämonen. <br /><br />Sie rollte die nächste Zigarette fertig und zerbrach dann die kleinen Kunstwerke, denn sie habe etwas vergessen, schlüpfte vom Bett und begann, ihre Tasche zu durchsuchen. Ich schlich mich in die Küche – als wollte ich unentdeckt bleiben – und griff mir zwei Gläser und eine Pulle Brandy, die weder alt, noch besonders voll war. <br />Ich komme ins Bett zurück, wo M. die nächsten Zigaretten dreht, aber es sind Porros, Joints also, wofür sie ein gutes Stück offenbar nicht besonders hochwertiger Ware zerbröselt. Sie mache das eigentlich nicht mehr, schon seit Jahren nicht, daher ist ihre offenkundige Routine mehr als verwirrend, aber sie kann ihr schwarzes Haar mit einer gewaltig leichten Geste aus dem Gesicht streifen, was mich verstummen ließe, hätte ich tatsächlich etwas zu sagen. <br />Sie benötigt vier, statt der mir bekannten drei Blättchen, um perfekte Tütenformen herzustellen, zeigt mir die Ergebnisse, und bevor ich zugreifen kann, läßt sie sie unter dem Bettlaken in Richtung ihres Schoßes verschwinden, bringt alle guten und bösen Geister mit der Andeutung eines schmutzigem Grinsens zum Schweigen und zeigt ganz kurz, wie man die Welt und das Universum beherrscht, indem sie meinen Kopf in beide Hände nimmt und meine Seele mit einem Äonen dauernden Kuß neu erfindet. Dann leuchten ihre Augen der Flasche entgegen, während sie protestiert, ich solle das Glas nicht zu voll füllen, sie müsse ja später arbeiten. Was aber ich für angemessen halte, hält sie doch eher für eine Pfütze und sie schenkt sich genüßlich nach, riecht schließlich noch am Schraubverschluß, womit sie albern wird. Ich kann nicht anders und grunze einen Protest in einer mir unbekannten Sprache. M. erkennt darin die Aufforderung, meinen Nacken zu massieren, was sie, jetzt ganz willige Dienstmagd, mehr schlecht als recht erfüllt. Joints drehen kann sie besser, und ich frage danach. Sie seien noch nicht warm genug, sie bräuchten noch etwas. <br /><br />Ich liege da und frage mich, ob sie mit ihrem Herzen ihren Vater bedauert oder verabscheut, nach allem, was sie über ihn erzählt hat. Oder ob sie das einfach auswendig gelernt hat, denn je krasser ihre Schilderungen, desto entfernter klingen sie. Ich mag mir keine Gedanken über Selbstschutz und all die weitschweifigen Analysen der Spezialisten machen, denn der Ton, den M. manchmal anschlägt, ist jenseits von echt oder falsch. Sie will nichts loswerden, wenn sie von seinen Angriffen und "Besuchen" berichtet, manchmal scheint es fast, als prahle sie damit. Und genau deshalb will ich es nicht so genau wissen, auch nicht, wo und vor allem warum er begraben liegt. <br /><br />Vielleicht liest sie meine Gedanken, jedenfalls leert sie ihr Glas und läßt den letzten Tropfen auf meine Brust fallen und leckt ihn weg. Sie schnauft, daß es jetzt gut sei und fingert unter dem Bettlaken die Joints hervor, von denen sie mir einen unter die Nase hält, um mich von seinem Aroma zu überzeugen. Er riecht tatsächlich nach ihr und Haschisch und Tabak und hat ein paar kleine feuchte Flecken, die sie schielend vor mir aufzählt, dabei unverständlich flüstert und grob in mein Haar greift. Irgendwo muß ich das Buch über Hexenverfolgungen im Mittelalter haben, und irgendwo in meinem Kopf erscheint wieder das Foto, daß M. bei der Einschulung zeigt, das Bild, welches sie an unserem ersten Abend angestarrt hatte, bis ich sie in der Bar fand. <br /><br />Sie läßt sich von mir Feuer geben und inhaliert am ersten Porro, tief und beinahe meditativ, schält sich aus dem Laken und parkt ihre Unterschenkel auf meinen, die in Vertretung ängstlich zucken. Wer M. sucht, sucht die Hilflosigkeit, und wer sie findet, findet das weite Meer der Verlorenheit. Je näher man ihr ist, desto deutlicher zeigt sich die Distanz. Ich nehme einen tiefen Zug und trinke dazu Brandy, verschlucke mich, wobei etwas über meine Mundwinkel rinnt. M. spielt die Empörte und wischt auf meinem Mund herum. Mit ihrem rechten Fuß, der salzig riecht und dessen Hornhaut ein wenig gelb ist. Dafür sind die Nägel rot und der gebräunte Fußrücken zeigt seine elegant verlegten Adern. Ein Duft wie ein Korb voll frisch gerösteter Nüsse kriecht in meine Nase, ihre Scham bedeckt sie mit zwei Fingern, die auch noch unhörbar darauf herumtrommeln. Wir sind bei mir, in meinem Reich, über das ich nicht mehr herrsche. <br /><br />Was M. da gedreht hat, zeigt seine Wirkung. Ein bißchen dreht sich der Raum, der warme Wind draußen beginnt zu flüstern, eine entfernte Ambulanz klingt wie verzweifelt auf der Suche. Eigentlich müßte sie hierher kommen, aber doch lieber fernbleiben, denn nichts ist so erfüllend, wie einfach dieser traurigen Göttin zu erliegen, die so unbeholfen ihre Opfer sucht und umso sicherer findet. <br />Wie sie zum Tod stehe, möchte ich wissen, eine Frage, die sie keineswegs zu überraschen scheint. Das sei eine ganz normale Angelegenheit und zudem sicher, erklärt sie, ganz anders als die Liebe, die gar nicht existiere. Sie wiederholt es: »El amor no existe.« Und noch einmal, diesmal ganz dicht an meinem Gesicht, so daß ihre Augen dunkler wirken als die Nacht und mich fröstelt. Jedenfalls zittere ich, was M. zu entzücken scheint. Sie legt den Joint in den Aschenbecher und umschlingt mich, atmet in mein Schlüsselbein und leert ihren Blick. <br /><br />Es ist noch Brandy in der Flasche und sie verzichtet auf ein Glas, nippt nur und gibt sich puppenhaft, als ich mich beruhigt habe und wieder den giftigen Dünsten widme. Nein, sie werde nicht zu dick, erkläre ich vorsorglich, als sie an sich herunterblickt und es auf ihrem Bäuchlein kurz klatschen läßt. Ein wenig schmal, die Waden, denke ich mir, jedenfalls fehlt ein ganz bestimmter Schwung, ein nicht berechenbarer Winkel, aber das binde ich ihr nicht auf die Nase. Dafür treibt sie es einfach zu ungeniert mit mir. Die Fesseln gefallen mir ja ohnehin, mit den so wichtigen Knöcheln und der Sehnigkeit, die sich hier zeigt. <br /><br />Nun will sie etwas über meine erste Freundin wissen. Ich kolportiere ein paar Nachrichten über Grillfeste und unter der mechanischen Beanspruchung zusammenbrechende Gartenliegen, aber sie will natürlich nicht wissen, was passiert ist, sondern wie es in mir aussah. Blut von meinem Blut, Fleisch von meinem Fleisch, illustriere ich jenen Gemütszustand, den ich als der Wahrheit am nächsten kommend bezeichne. Darüber denkt M. ein paar Sekunden nach, vergewissert sich mit einem Blick und einem Kratzen ihrer Zehnägel an meinen Schenkeln der Aufrichtigkeit, die sie erwartet, atmet ausgiebig aus und sehr lange nicht mehr ein, greift schließlich in die Leere und erklärt, ich wisse wenigstens, was Angst sei. Das mit dem Tod würde ihr nun auch klarer. Und wo der zweite Porro geblieben sei, möchte sie auch noch wissen. <br />Der liegt etwas krumm, aber ansonsten unbeschadet zwischen uns und wird nun von ihren Fingern ergriffen und zurechtgezupft, geradegebogen und erneut mit etwas Speichel benetzt. M. hat Hunger und fragt nach meinem Kühlschrank, dessen Standort ich noch immer in der Küche garantieren kann. Sie verschwindet kurz und kommt mit einem Stück trockenen Weißbrots wieder, auf das sie eine Scheibe glänzenden Schinkens und eine halbe Paprika gelegt hat. Offenbar will sie beim Genuß dieser späten Mahlzeit und dem Vollkrümeln meines Bettes nicht gestört werden, denn sie zeigt sich für Minuten als unansprechbar, während ihre wohlgeformten Kiefer dezent mahlen, woran ich mich gar nicht sattsehen kann. Und dann wird sie endlich träge und eine meiner Hände findet eine ihrer Hinterbacken. <br /><br />Am Morgen wache ich alleine auf. M. hat mir einen Zettel dagelassen, auf dem nur ein Wort steht: »Atme!«]]></description>
            <link><![CDATA[http://ceos.macbay.de/Herrenabend/index.php?id=38]]></link>
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        <item>
            <title><![CDATA[Unvermögen reloaded]]></title>
            <description><![CDATA[»Laß' dein Haar in Ruhe!« <br />»Dann gib' mir eine Zigarette ...« <br />A. rupft sich immer wieder ein paar dünne Strähnen aus, während ihr Blick in der Leere herumsucht. Profis nennen das »Trichotillomanie«, den Zwang, sich die Haare auszureißen. Ich nenne das – um Souveränität vorzutäuschen – nervig, weil ich das Produkt dieser Macke entsorgen darf. An die Substanz geht es nicht, aber ein Rest von Verantwortungsgefühl und eine riesige Portion Hilflosigkeit diktieren mir, mehr oder weniger energisch einzuschreiten.<br /><br />Absurd ohnehin, denn sie läßt sich nach und nach Unterarme, Beine, Rücken und Bikini-Zone »weglasern«. Das steht ihr natürlich gut. Es ist auch okay, wenn sie sich Locken in den elegant braunen Schopf zwirbelt. Nur dieses ständig wiederholte Finale, dieses traurige und zugleich wütend kleine Zerren alarmiert mich irgendwie. Das macht alles anders: Aus Versonnenheit wird Zorn, Entspannung wird zu Streß. <br /><br />Sie läßt den Film in der Glotze unkommentiert und kann doch die Hände nicht stillhalten. Ihr liegt was auf der Zunge. So sehr, daß sie sich ganz zurückzieht und schweigt. Ich kann nichts sagen, denn mein Verstehen bleibt wortlos. Weil wir etwas teilen, das wir nicht teilen können. <br /><br />Ich greife nach ihrer Hand, die schon wieder nach Haaren sucht, nach irgendeinem faßbaren Wirbel, der etwas ganz kurz in Ordnung bringt. Ein kleiner schmerzhafter Orgasmus auf der Kopfhaut, ein bißchen Freiheit in einer Zelle aus wartenden Gefühlen. Sie versucht sich zu disziplinieren und macht Pantomime mit ihren rot lackierten Zehen, kleinen Kunstwerken an eleganten, der Erde stets schmeichelnden Füßen. Sie läßt meine Hand gewähren, weil sie weiß, daß ich das nicht immer tue. <br /><br />»Hast Du noch andere, die sind mir zu stark.« A. will einen Kompromiß. Einen aus meiner Anwesenheit und dem Willen zur Flucht. Sie raucht sonst alles mögliche, sogar Zigarillos, wenn sie die Situation bestimmen kann. Was hier auf meinem Sofa offenbar nicht geht. Deshalb verlangt sie nach leichtem Tabak mit Filter. Ich stehe auf und finde eine alte Packung mit »Ultra Light«-Zigaretten. Die würde A. normalerweise ablehnen, aber jetzt möchte sie die. Weil sie ablenken will. Weil sie weiß, daß ich fragen möchte und sie nicht antworten kann. Denn ich kenne ja nicht einmal die Frage. <br /><br />Sie inhaliert tief und läßt den Rauch durch die Zähne zischen, reckt das Kinn nach vorne und blickt den weißen Wirbeln nach, die sich eilig von ihrer Zigarette entfernen. Ein wenig entspannter tentakelt ein Blick von ihr an mir herum. <br /><br />»Warum hast Du kein Akkordeon?« <br />»Wie bitte?« <br />In diesem Zustand verletzter Laszivität ist ihre Frage keineswegs sinnlos, aber ich habe keine Lust (oder einfach Angst), jetzt schon die Segel zu streichen und nach einer halbwegs befriedigenden Antwort zu suchen. <br />»Dahinten steht doch meine Gitarre. Nicht bundrein und ich kann nur G-Dur, E-Moll und C-Dur. Aber ich kann singen wie Buddy Holly.« <br />»Wer ist das?« <br />»Vergiß es einfach ...« <br />Das gefällt A., wie ihre Augen kurz zeigen, als würde die Sonne durch ein paar graue Wolken brechen. Ist aber schon wieder vorbei, ihre linke Hand wandert zum Kopf und greift nach einer Strähne. Es macht ihr Spaß erniedrigt zu werden, aber keinen, der ihr Spaß macht. <br /><br />Sie hat offenbar den selben Gedanken und zieht engagiert an ihrer Zigarette, die fast panisch aufglüht. Aus gutem Grund, denn A. hat sich übernommen und ein Hustenanfall ist die unvermeidliche Folge. Kurze, trockene Stöße entfahren ihren Lungen, während sie sehr kontrolliert die Zigarette ablegt und gleichzeitig mit der anderen Hand an ihrem Schopf reißt, bis Tränen ihre Augen in schreckliche Smaragde verwandeln; schwarze natürlich. <br /><br />Ich habe keine Lust mehr einzuschreiten. Entweder hat sie gewonnen oder das in ihr. Aus Trotz oder zum Beweis verlangt sie nach kräftigerem Tabak, den ich anstandlos herausrücke. Sie raucht und verträgt es. Sie scheint Frieden machen zu wollen, indem sie über Krieg spricht: »Hat dein Vater dich eigentlich in Ruhe gelassen, oder war der wie meiner?« <br /><br />So geht das manchmal los, und deshalb sind Zigaretten eine feine, weniger gefährliche Angelegenheit ...]]></description>
            <link><![CDATA[http://ceos.macbay.de/Herrenabend/index.php?id=37]]></link>
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            <title><![CDATA[Speed]]></title>
            <category><![CDATA[Reportagen vom Ende der Welt]]></category>
            <description><![CDATA[Ein <a href='http://www.flickr.com/photos/krasava/618200096/'>Dodge Barracuda</a>  ist tatsächlich ungefähr so, wie der Name im Geist vorbeisaust. Alles an und in ihm versöhnt sich mit gutgelaunter Aggression und zorniger Jugend, ein Fahrzeug, das lautere, männliche Moral ausstrahlt und die Lust an Kraftproben dem Zugriff jeglicher pädagogischer Anstrengung entzieht. Ätsch. Ein Auto, das authentischer röhrt als jeder Hirsch und unbequemer ist als ein durchschnittlicher Aufenthalt auf der Intensivstation. Man mag besorgt sein, daß es jemals entwickelt wurde. Man kann sich auch über Bio-Tee freuen. Frauen halten nichts vom Barracuda, es sei denn, der richtige Kerl sitzt am Steuer. Es ist eben nicht einfach.<br /><br />Natürlich verbraucht er viel Sprit. So viel, daß einem Angst und Bange wird, wenn man in Europa aufgewachsen ist. Das Klima ist diesem Gerät egal, die Straße irgendwie auch, solange sie da ist und keine Bäume im Weg stehen. Es gibt eine Kampfhundverordnung, aber kein Gesetz gegen den Dodge Barracuda. Wer sich traut, das gut zu finden, hat einen Freund gewonnen. Es ist ein unmögliches Auto, ein Anachronismus, eine geile Göttin, die furzend in das Meer der Tugend pisst. Wer das nicht liebt, lebt nur halb. Oder auf Vollkorn. Bitteschön. Viel Spaß.<br /><br />Richtig sexy wird's, wenn der Lack ein nur noch mattes Zitronengelb und die Benzinleitung brüchig und leck ist. Das fördert das Aroma im Innenraum. Bei dem Gestank jetzt erstmal eine Zigarette, die Party im Harz ist ja noch eine Tankfüllung und einen Hörschaden entfernt. Vielleicht schließt ja irgendjemand während der Fahrt auch das Radio an. Bei dem Gedröhne auf der Autobahn muß das sein. Leere Bierdosen signalisieren feinste Fahrbahnunebenheiten. Es funkt und zischt aus dem Fußraum. Gut so. Und mit Glück explodieren wir endlich ...<br /><br />Fuchsstuten sind ziemlich elegante Gäule und so richtig furchtbar sensibel. Ein Klaps auf den Arsch kann sie beschleunigen, der Dodge braucht einen engagierten Tritt aufs Gaspedal, bis der Vergaser röchelt und noch mehr Benzindunst den Innenraum mit gasoliner Lust erfüllt. Einen zu bauen scheint jetzt geboten. Eigentlich fehlen bloß noch ein paar aufgeschlossene Mädels, die einen am Morgen pflichtbewußt zusammensammeln und vielleicht sogar heißen, schwarzen Kaffee dabei haben. Zum Dank natürlich, weil man sie im Kornrausch »süße Pussi« genannt hat. Und dann diese verwaschenen Jeans mit dem ganzen Cocktail drunter. Der Dodge lächelt dazu. Manchmal, wenn es richtig schnell geht, grinst er sogar. Einfach ein gutes Auto.<br /><br />Nur echte Prinzessinnen machen ihn schwach, als würden seine Reifen einfach so, von einem Moment zum anderen, resigniert platt und mutlos. Männern kann das auch passieren und es ist eine böse Variante haltlosen Schicksals, in solchen Momenten keinen Dodge Barracuda dabei zu haben. Man kann sich in solchen Augenblicken nicht einfach mit einem Zündschlüssel sicherfühlen. Auswege, auch asphaltierte, bleiben dann leider aus.<br /><br />Z. sitzt gewohnt verkrampft im Fond, ihre schlacksigen Beine drücken in den Rücken des Fahrers, der alle überholenden Audis beschimpft. Dafür hat sie so schöne Ringe unter den Augen, von denen sie behauptet, die Drogen seien bestimmt nicht schuld dran. Mit ihrem Lachen hätte sie die Mauern von Jericho zum Einsturz bringen können, aber dazu ist sie viel zu jung. Ihr Job als Event-Managerin hat sie eine ganze Zeit lang genervt, bis sie sich auf eine Phase einließ, während der ihr Chef sie immer mit dem Saab Cabrio abholte. Als die vorbei und sie nicht befördert worden war, durften wir wieder Freunde sein. Naja, Auslauf und frische Luft sollen ja so gesund sein. Ist im Dodge nicht zu haben, Z. stört das aber nicht und schnorrt mir eine Filterlose ab. Dazu klimpert sie mit den Wimpern über Augen, deren Blau aus der Nordsee kommt. Einen Flachmann zaubert sie aus ihrer Schlabberjacke auch noch hervor und wir bewundern sekundenlang die trübe Vorfrühlingssonne, nachdem wir uns zugeprostet haben und während mein Bruder immer noch mit dem Radio beschäftigt ist, aus dem ganz kurz ein Fetzen des effizienten Tom Petty zu hören war, bis das allgemeine Röhren und Brüllen des Dodge wieder den Ton angab.<br /><br />Vielleicht ist Z. etwas benebelt vom Benzindunst oder vom Schnaps oder vom Leben ganz allgemein, jedenfalls fragt sie auf einmal unvermittelt, was ich denn aus meinem Leben noch so zu machen gedenke, bisher hätte ich ja noch keinen rechten Sinn darin gefunden. Ob man das unbedingt müsse, frage ich – besser als eine ehrliche Antwort – zurück und rege mich innerlich über ihre Unverschämtheit auf, kann ihr aber nicht böse sein. Weil sich das am wenigsten von allem lohnt. Ich erzähle ihr von der der nächsten Radreise und davon, wie anmutig im Krüger Nationalpark Leben und Tod oszillieren. Z. läßt den Kopf zurückfallen und gähnt, bis sie plötzlich meine Hand nimmt und unter ihr mausgraues Sweatshirt auf ihren Bauch legt. Der gibt sich nicht so straff, wie ich ihn in Erinnerung habe, aber das war wahrscheinlich auch nicht ihrer. Dann erklärt sie einfach, ihr sei kalt. Kein Wunder, denn nicht nur das Radio gibt keinen Ton von sich, auch die Heizung des Barracuda funktioniert nicht so, wie man es sich wünscht.<br />Ich biete ihr einen Platz unter meiner Lederjacke an. Sie schaut mich an, als hätte ich den Schuß nicht gehört und nimmt das Angebot trotzdem an. Mein Bruder blickt kurz nach hinten und rollt mit den Augen, der Fahrer flucht einem weiteren Audi hinterher.<br />»Hast Du mal an Kinder und so gedacht?« Mit dieser Frage habe ich gerechnet und weiß auch, wie wenig ernst Z. sie jetzt meint, diese unbeholfene Schlange, dieses reizende Nasenäffchen mit der blassen Haut und dem Muttermal am vierten Halswirbel.<br />»Das ist wohl schon eine Weile her ...« Z. nimmt noch einen Schluck und meint, ihr sei jetzt schlecht.<br /><br />Ich finde das mit ihr unter meiner Jacke nun auch unangenehm und suche nach einer Dose Bier. Dieses Aroma fehlt hier noch zwischen dem von Benzin, Tabak und Heuchelei.]]></description>
            <link><![CDATA[http://ceos.macbay.de/Herrenabend/index.php?id=36]]></link>
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            <title><![CDATA[Altes und junges Gemüse oder: Nordkorea ist überall]]></title>
            <category><![CDATA[Reportagen vom Ende der Welt]]></category>
            <description><![CDATA[Es gehört dazu, sich im Verbrauchermarkt sehr klein zu fühlen. Trotzdem ist der Kunde angeblich König, davon zeugen nicht nur Sonder- und Zweitplatzierungen, auch die Parkhäuser verströmen das Flair betonierter Großzügigkeit, mit der man eigentlich gar nichts anfangen kann. Wer sich genau umsieht, wird das Fehlen von Schatten bemerken, da alles gleichmäßig ausgeleuchtet ist. Manchmal hat man Glück und der Boden glänzt noch von der letzten Reinigung, aber meistens lungert die Routine von Schnelldrehern und Handelsmarken zwischen den Regalreihen herum. Heitere Ausnahmen sind auch am Boden zerschmetterte Marmeladengläser, die beim Vorübergehen schnelle Geschichten von genervten Müttern und ihren Kleinkindern erzählen, oder Greisen, die nicht mehr richtig greifen können, oder sich streitenden Paaren, die die Welt der Waren um sich herum für den Augenblick des Zorns kurz vergessen haben. Davon abgesehen kann man sich hier sicher fühlen. Oder eben fast.<br /><br />So fünfzehn Euro werde ich wohl ausgeben, habe ich mir vorgenommen. Öl ist alle, Katzenfutter fast und die Zahnpastatube krümmt sich bereits im Todeskampf. Eine Pulle Rotwein, Tabak und Paprika sollten noch drin sein, vielleicht noch weiße Bohnen, denen ich mich erstmals intensiver widmen möchte, weil die Linsen sich nunmehr hart an der Grenze zur Langweilerei bewegen. <br />Ich nehme den umgekehrten, von den Verkaufstrategen nicht vorgesehenen Weg und schmeiße zuerst ein paar Dosen von dem Zeug in den Korb, das der Kater zumindest nicht verschmäht, bücke mich nach einer namenlosen Zahnpasta, greife dann zum billigsten Olivenöl – das angeblich »extra vergine« und kaltgepresst ist und wahrscheinlich auch noch durch das Mieder einer italienischen Bäuerin gefiltert wurde –, und angle nonchalant im Vorbeigehen eine Flasche Rioja für zweineunundsiebzig, nachdem ich ein Paket Bohnen als für meiner würdig erachtet habe. Tabak gibt's an der Kasse, daher geht es nun in die Abteilung »Frischgemüse«, um die ich in letzter Zeit immer größer werdende Bögen mache, weil ich mich einfach nicht gerne anlügen lasse.<br /><br />Denn was sich dort an braunrandigen Salaten, schlappen Gurken und runzeligen Tomaten feilbietet, ist schlicht und ergreifend alt und nicht frisch. Das wachsende Biosortiment bietet den gleichen Abfall in viel teurer an, aber die Klientel läßt sich davon nicht am Befingern und Begutachten, am Nicken und Einpacken hindern. Einzig die eingeschweißten Paprika haben sich in Sachen Frische und Geschmack bewährt. Weiß der Teufel, mit welchen der Öffentlichkeit noch unbekannten Strahlen die behandelt werden. Mir soll es recht sein, ich leuchte lieber im Dunkeln, als mir eine Pilzvergiftung einzuhandeln.<br /><br />Ich packe also drei Schoten ein und lasse den Blick noch einmal über öde Champignons, kümmerlichen Radicchio und erschlafften Dill schweifen, um innerlich ein bißchen Verachtung anzustauen, als ein Hüftschwung in meinen Augenwinkeln und ein rhythmisches Klacken in meinen Ohren jenen Mechanismus in Gang setzen, den wir alle zu gut kennen.<br />Seltsamerweise weiß man immer gleich sofort, wenn ein Anblick sich lohnt, noch bevor man sich ungewandt hat und die Augen fokussiert haben. Vielleicht geht das aufs Konto der gerade so beliebten Pheromone, vielleicht auch nicht, es ist jetzt ohnehin egal.<br /><br />Da schiebt so ein junges, schlankes, halbasiatisches Ding in Stiefeln und Rock einen riesigen Einkaufswagen durch die Gegend, in dem locker vier von ihrer Sorte Platz hätten, und kommt genau neben mir vor der Gemüseauslage zum Stehen. Sie greift rätselhaft nach einem besonders mies aussehenden, eingeschweißten Eisbergsalat und – fängt an, daran zu riechen. Ob sie durch die Folie feinste Fäulnis wahrzunehmen in der Lage ist? Jetzt drückt sie auch noch daran herum. Vielleicht will sie sich ja auch nur etwas über die Abwesenheit jeglicher Frische aufregen. Dann hätten wir schon etwas gemeinsam. Aber ein blödes Gesprächsthema wäre das. Während sie noch prüft und begutachtet, mache ich das heimlich mit ihr, während ich gesteigertes Interesse an einem Bund Petersilie vortäusche, das ohne jeden Zweifel noch aus dem Pleistozän stammt.<br />Ein knallrotes Top und einen beigen Rock trägt sie. Ich male mir aus, was beim Mischen dieser beiden Farben herauskäme und komme zu dem Schluß: ihr Hautton. Zumindest ansatzweise, Karotten- und Oliventöne vereinen sich darin mit vergehender Winterblässe. Muß das sein um elf Uhr vormittags, nach einer Nacht eher betrüblicher Träume? Es muß sein. Die Stiefel sind so lala, also gelackt. So wirkt auch das Haar, unwillkürlich greife ich nach meiner Brieftasche und widme zum Schein meine Aufmerksamkeit einem Bund Suppengrün, das mich an meine Verwandtschaft erinnert.<br /><br />Sie hat den Eisbergsalat mit einer fast bedrohlichen Geste in die Auslage zurückplumpsen lassen und sortiert jetzt offenbar ein paar versprengte Staudensellerie zusammen. Typischer Ordnungssinn, und bei mir gerät alles in Unordnung. Vielleicht lecke ich sie einfach spontan ab. Lieber nicht. Als nächstes nimmt sie sich einen Lollo Rosso vor und betastet ihn vorsichtet, als sei er eine kunstvolle Frisur. Ich frage mich, ob ich mir einen Stuhl kommen lassen soll und ein paar Erfrischungen, aber dann klingelt ein Mobiltelefon: Es ist »Moon River« von Henri Mancini und das kommt aus ihrem Handy. Wie das mit den Lackstiefeln harmonieren könnte, bleibt mir ein Rätsel. Sie fingert in ihrer gewaltigen Umhängetasche herum und meldet sich mit einem Geräusch, das auch ein Wort einer sehr fremden Sprache sein könnte, aber entfernt an »Hallo« erinnert.<br />Ich bekomme leider nicht besonders viel mit, obwohl mittlerweile jedes Molekül in meinem Körper auf eine ganz bestimmte Frequenz eingestellt ist, die in Richtung Fernost liegen muß. Die Welt ist nunmal ein Dorf geworden. Und da kennt bekanntlich jeder jeden. <br /><br />Sie telefoniert, nickt und streift sich durchs Haar, das wie in Zeitlupe in Ausgangsposition zurückfällt, sie lächelt, runzelt die Stirn, rollt mit dem Augen, reibt sich das Näschen, wiegt den Einkaufswagen hin und her, als sei ein Baby drin, gähnt sogar ganz kurz und sagt dann, in nicht ganz reinem Deutsch: »Atombombe. Hab' ich gesagt. Viel mal. Atombombe, ja? Gut, bis dann ..."<br /><br />Ich geh' dann mal zur Kasse ...]]></description>
            <link><![CDATA[http://ceos.macbay.de/Herrenabend/index.php?id=35]]></link>
        </item>
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            <title><![CDATA[Urlaub in Absurdistan.]]></title>
            <description><![CDATA[<img src='http://ceos.macbay.de/Herrenabend/XE3system/uploads/Foto-0009_2.jpg' alt='' />]]></description>
            <link><![CDATA[http://ceos.macbay.de/Herrenabend/index.php?id=34]]></link>
        </item>
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            <title><![CDATA[Eat Yourself]]></title>
            <category><![CDATA[Geraderücken]]></category>
            <description><![CDATA[Die entitätslose Allmacht sieht vor: Dinge entrücken.<br /><br />Wobei weder das "Ding" noch das Entrücken sich der Kalkulierbarkeit zugänglich zeigen. Daß alles fließt, ist damit bestätigt, sein Fließen aber hat damit noch keinen Paten. Nylonstrümpfe schon, aber das ist ein Trost auf einer Ebene, auf der Klarheit eher zu vermeiden ist, also einerseits gut, andererseits folgen sofort die üblichen Probleme, die man ja eigentlich zu vermeiden sucht. Etwas vom Apfel schiebt sich immer zwischen den Zahn und sein Fleisch, man kann auch eine Weinflasche entkorken und damit fernsinnliches Unrecht tun.<br /><br />Versöhnlicher zeigen sich Linsen, die man zwar zerkochen kann, aber trotzdem oder deswegen eine gute Soße ergeben, so mit Kreuzkümmel und Knoblauch. Nur müssen die Teigwaren dann wieder das Niveau halten. Irgendwer macht immer die Arbeit und muß sie tun, wenn andere sich zur Pause verziehen. Aber damit ist noch lange nicht das Vorhandensein schlechtgelaunter Menschen im Sonnenschein zu erklären, erst recht nicht nach dunklem Winter und feuchter Luft, die Blei wie Federn erscheinen läßt. Kniekehlen sind auch so eine Sache: Sind sie erstmal erreichbar, führt kein Weg an ihnen vorbei. Man darf aber nur kratzen, wenn es die eigenen sind. So wird das nichts mit dem Sozialismus. Dafür lassen sich mit der Hand Fußsohlen verstehen, der Druck darf nur nicht zu stark sein. Man glaubt kaum, was die so alles mitteilen: Von Schwere und Leichtigkeit können sie erzählen, sie können sogar duften, je nach Schuhwerk.<br /><br />Finger, die in langem Haar zwirbeln, können sich aller Erkenntnis nach glücklich schätzen. Ob nur die Reibung dafür verantwortlich zeichnet, oder die Spiralen selbst ein Liebeslied zu singen imstande sind, weiß wahrscheinlich nur Pinocchio, denn Holz ist empfänglich wie sonst nichts und weiß es dann doch besser. Aber Reinheit ist ein rares Gut, so wie der Tod, der nie irgendwelche Kompromisse macht. Man stirbt ja nur einmal und endgültig, daher bleibt jeder Orgasmus das, was eine Laienbühne nur andeuten und großes Theater niemals erreichen kann. Und zwischendurch wird eben gegessen.]]></description>
            <link><![CDATA[http://ceos.macbay.de/Herrenabend/index.php?id=33]]></link>
        </item>
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            <title><![CDATA[Die Macht]]></title>
            <category><![CDATA[Geraderücken]]></category>
            <description><![CDATA[von <a href='http://ceos.macbay.de/graftemne/index.php?id=34'>Körperflüssigkeiten</a>.]]></description>
            <link><![CDATA[http://ceos.macbay.de/Herrenabend/index.php?id=31]]></link>
        </item>
        <item>
            <title><![CDATA[Meet Mister B.]]></title>
            <category><![CDATA[Reportagen vom Ende der Welt]]></category>
            <description><![CDATA[»Also, wir sind damals häufiger nach Singapur gekommen, mein Kapitän hat immer gesagt, aus dir wird nichts, aber ich hab' ja sooolche Schultern, weißte, dann war immer Ruhe ...«<br />Das ist B., dessen Landgang mittlerweile endgültig und dessen Latzhose funkelnagelneu ist, mit glänzenden Knöpfen und nicht ganz so blau wie ihr Träger. Sein mächtiger, charaktervoller Bauch dürfte B. unsinkbar machen, den Barhocker, der unter ihm still leidet und dennoch erträgt, jedoch kaum erfreuen.<br /><br />»Weißte, wenn mir einer <em>so</em> kam, dann kam ich ihm <em>so</em>, aber sofort!« B.'s Hände fuchteln eine unmißverständliche Pantomime durch die Bar, die eigentlich längst husten müßte, denn B. hat ständig eine brennende Zigarette im Aschenbecher abgelegt und immer eine zwischen den Lippen, die weniger wulstig als vielmehr fast unsichtbar schmal sind. Die Nase darüber befindet sich in jenem verheißungsvollen Stadium zwischen Riechorgan und pathologischem Exponat, was Farbe, Form, Oberfläche und wahrscheinlich auch Funktion angeht. Auf ihrem Rücken ruht eher eine solide Schweißarbeit denn Brille, mit unterschiedlich starken Gläsern, was seinem Blick genau die Asymmetrie verleiht, die wahlweise Vertrauen oder Abscheu erzeugt. Die Augen scheinen unabhängig voneinander zu agieren, wobei beide stets an seinem Gegenüber vorbeiblicken. Auf der Stirn wird's unauffälliger, bis schließlich ein gut getarnter Haaransatz in einen fettigen grauen Schopf übergeht – man fragt sich, was im Manuskript dieses Gesichts eigentlich noch zwischen den Zeilen stehen soll.<br /><br />»War schon in der Schule so. Haben immer alle über mich gelacht, weil ich nicht vorlesen wollte, aber mit meinen Schultern hab' ich das immer, weißte, geregelt, hab' ich immer. Da war immer <em>Zack!</em> und <em>Zack!</em> und <em>Zack!</em>, hab' ich ja Schultern ...«<br />Mehr als zustimmend nicken kann man da nicht. Das reicht auch, denn schon will B. eine Runde Bier spendieren. Die absolute Notwendigkeit, das nicht abzulehnen, unterstreicht sein schneller Blick zu seinen Schultern.<br /><br />Die überhaupt nicht besonders breit sind, jedenfalls nicht im Vergleich zu seinem Bauch, dessen Oberfläche gerade von kleineren Eruptionen erschüttert wird. Das ist zuviel für den Barhocker, der nun nicht anders kann und ernsthaft knirscht, aber sofort wieder ängstlich verstummt, als B. sich kurz aufsetzt und dann sein Hinterteil wieder herabläßt.<br />»Könnt überhaupt nicht trinken, ihr jungen ...«, murmelt er, setzt die Flasche an und leert sie nicht etwa ganz, sondern nur einen kleinen Schluck, hält die Luft an und krallt seine Finger in die Oberschenkel. Gut, daß das nicht meine sind. <br /><br />Dann steht Elvis im Raum, komplett mit diamantenbesetzem Anzug, Gitarre auf dem Rücken und allmächtigen, tiefschwarz lackierten Koteletten. Sein Bariton nuschelt eine Bestellung über den Tresen, ihm wird ein ganzes Faß gereicht und ein Abflußrohr als Strohhalm. Ein paar Gäste fallen in Ohnmacht, andere wachen auf und beginnen Staub zu hecheln. Der <em>King</em> schleudert ein Bündel Dollars durch den Raum, die sich ängstlich verkriechen, geht zur Musikbox und drückt dreimal hintereinander <em>I Should Be So Lucky</em>, während Madame Bovary in ihrem Iglu am Nordpol auf den Tod wartet.<br />B. hat mittlerweile sein Bier ausgetrunken und den Hals der Flasche abgebissen, den er lautstark zerkaut und sich Ketchup geben läßt. Plötzlich fangen seine Ohren Feuer, aber Elvis erdrückt mit seinen pelzigen Pranken die Flammen, verflucht den Dalai Lama und pinkelt ins Aquarium. Winzig kleine Rettungsringe werden von ein paar Gästen ins Wasser geworfen, die Fische, erschöpft aber glücklich, retten sich in Blumentöpfe und ersticken zufrieden.<br /><br />B. leckt sich die letzten kleinen Scherben von den zerschnittenen Lippen und fährt fort: »In Singapur im Puff wollte eine meinen Schwanz tätowieren ...«<br />»Aha. Und welches Motiv?«<br />»Sie hat erst meinen Schwanz gezeichnet – hat den ganzen Nachmittag gedauert, obwohl da nichts dran ist – und wollte das dann auf meinen Schwanz tätowieren. Ich sag' ihr, daß Jugendstil nicht so mein Ding ist, aber sie wollte nicht hören. Da hab' ich sie gefickt und die Quittung auf meinen Pastor ausstellen lassen, der hat dann seine Tochter enterbt. Die konnten alle nicht trinken.« B. läßt noch ein paar Bier auf Vorrat kommen; zu kalt ist ja auch nicht bekömmlich.<br /><br />Elvis hat dazu eine andere Meinung und legt deshalb einen äußerst präzisen Kopfstand hin, bis alle Uhren im Raum stillstehen. Jemand mit Motorsäge zerteilt ein paar Zentner Schnitzel, die dann jemand anderes wegwirft. Bald stehen viele blaue Müllbeutel umher, gegen die B. und Elvis abwechselnd treten und japsen. Ich will zahlen, der Barmann sagt, das ginge nicht. B. hat ein paar Ampullen mit Elvis' Aquariumwasserpisse gefüllt und unter seinen Achseln gefroren. Manche können sowas eben. Aus dem Eis schneidet er mit ein paar ausgerissenen Haaren – das dauert Stunden – Scheiben, die wie Gold glitzern und bezahlt alle Drinks. Auch das Faß von Elvis.<br /><br />Wenn es doch nur immer so sein könnte.]]></description>
            <link><![CDATA[http://ceos.macbay.de/Herrenabend/index.php?id=30]]></link>
        </item>
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            <title><![CDATA[Archive]]></title>
            <link><![CDATA[http://ceos.macbay.de/Herrenabend/index.php?p=archive]]></link>
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